Wirrnis Jerusalem – und was Menschen in Israel über den Waffenstillstand denken

„Getrennt durch die Basargassen liegen die vier Viertel der alten Stadt: das armenische, das christliche, das mohammedanische, das jüdische, streng getrennt, sich hassend, sich nicht kennend.“ (Gabriele Tergit, 1934)

4000-jähriges Jerusalem – und es hat sich wohl viel aber zugleich so wenig verändert. Ich möchte neben meinen Bildern heute eine große Anleihe bei Gabriele Tergit nehmen, die in den 1930er Jahren Palästina bereiste und Jerusalem beschrieb. Wer tiefer in die Geschichte der letzten 4000 Jahre einsteigen möchte, der sollte in die Jerusalem Biografie von Simon Sebag Montefiore schauen, sehr empfehlenswert. Wer Geschichten in der Geschichte der Heiligen Stadt lesen will, dem empfehle ich sehr das neue Buch meines langjährigen Freundes und ehemaligen Kommilitonen Holger Haase „Ejhaw: Die Wächter der Lade“, das im Jahr 67 nach Christi spielt, also in der Zeit der Eroberung Jerusalems durch die Römer im Jüdischen Krieg – und heute bei Amazon zu kaufen ist. Wunder, oh Wunder, soweit der Werbeblock. Holger, das kostet was… Zum Krieg kommen wir hier auch noch.

„Niemand kennt das Alter seiner Wohnung, vielleicht 2000 Jahre, vielleicht 400 Jahre alt… Nur schmale Gassen, kein Weg für Pferd und Wagen, geschweige für Auto“, schreibt Gabriele Tergit im letzten Jahrhundert. Das ist es vielleicht, was auch heute noch den Reiz der Innenstadt Jerusalems ausmacht. In einem fast wie mit dem Lineal gezogenen Quadrat von vier Kilometer Umfang, ein Kilometer Länge an jeder Seite befinden sich alle heiligen Stätten – der Felsendom, die Klagemauer, die Grabeskirche aus dem 4. Jahrhundert und die vier Stadtviertel. Das moslemische, erreichbar durch das Damaskus-Tor, das christliche am Jaffa Tor, das jüdische Viertel an der Klagemauer und das armenische Viertel, das bis zum Zions-Tor und zum Zionsberg mit Davidsgrab, Abendmahlsaal und meiner Unterkunft, der Dormitio Abtei, reicht.

Der Felsendom fotografiert vom Ölberg

„So ist das armenische Viertel: weit, reich, still, Öllampe an den Ecken zwischen den hohen Mauern, über die die Pinie sieht, hohe schmale Zypressen, das feine zarte wehende Blatt des Pfefferbaums und des Eurkalyptus, die Welt des armenischen Patriarchen…“, schreibt Tergit. Und: „So ist das christliche Viertel: sauber, gepflegt, reich, Schulen, Klöster, Stiftungen… Gekehrt ist das holprige Pflaster, sauber jedes Papier entfernt. Tief versteckt die Grabeskirche… Im mohammedanischen Viertel ist Wimmeln von Mensch und Tier…“

Die Dormitio Abtei auf dem Zionsberg

Schließlich beobachtete Tergit, was man noch heute so beschreiben könnte: „Jerusalem war eine jüdische Stadt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Vertrieben wiedergekommen, vertrieben, wiedergekommen… Hier liegt an einer Ecke die Klagemauer, Rest des im Jahr 70 von Titus zerstörten Tempels, nichts als eine gewaltige Mauer, 18 Meter hoch und ebenso tief unter der Erde… nichts als eine Mauer aus gewaltigen Quadern… An diesen Steinen weinen durch die Jahrtausende Juden um ihre untergegangene Freiheit. Tausende winzige Zettel stecken zwischen den Steinen, hineingesteckt, damit Gott die darauf geschriebenen Bitten erhört…“ Wie aktuell.

An der Klagemauer

Ich werde in diesen Tagen oftmals gefragt, wie dieser Deal von Katar zur Waffenruhe und einer Geiselfreilassung zwischen Israel und der Hamas im Land ankomme. Weltweit sorgt das Gaza-Abkommen für Aufatmen. Die Lufthansa will die Flüge nach Tel Aviv wieder aufnehmen. Die Bundesregierung – zwar nicht beteiligt – dringt auf eine konsequente Umsetzung der Einigung. Eine vom Iran gestützte Miliz will ihre Angriffe auf Israel einstellen. Also alles wieder gut im Heiligen Land? Nein! Ganz und gar nicht.

In Tel Aviv wird gegen das Abkommen demonstriert. Angehörige von gefallenen Soldaten übernachten aus Protest gegen die Einigung mit der Terrororganisation vor dem Büro von Premierminister Benjamin Netanyahu. Vor dem Obersten Gerichtshof in Jerusalem wurden Särge mit israelischen Flaggen aufgestellt. Die rechte Partei „Religiöser Zionismus“ macht ihren Verbleib in der Netanyahu-Koalition davon abhängig, ob nach dem 42-tägigen Geiselabkommens mit Waffenruhe die „vollständige Vernichtung“ der Hamas fortgesetzt werde.

Eiliges, geschäftiges Treiben in der Innenstadt

Das Abkommen geht aber nicht nur einigen rechten Politikern gegen den Strich: Auch im Hauskreis der seit 1991 in Israel lebenden christlichen Religionslehrerin Christa Behr, die sich der Sühne in Israel verschrieben hat, betete man am Abend des Deals, gestern, am 15. Januar, dafür, dass die „Teufel von der Hamas“ besiegt werden. Ich habe mich dem Kreis, der jeden Mittwoch zusammenkommt und aus österreichischen, deutschen, georgischen und ukrainischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern besteht, angeschlossen. Einige von ihnen leben bereits seit Jahrzehnten in Jerusalem, andere arbeiten als Volontäre für eine Zeit mit Christa zusammen. Hier kennt man Land und Leute. Wenn auch zweifellos ein streng konservativer Kreis. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit. Hier ist man überzeugt, dass nur die vollständige Vernichtung der Hamas zu einem dauerhaften Frieden führen könne. Und hier ist man sich ganz sicher, dass Israel das Recht und sogar die Pflicht habe, sich dauerhaft und Tag für Tag gegen seine Feinde zu stellen. Ein modernes Sparta. Ein Volk im Krieg.

Und hier herrscht die Meinung vor, dass der Preis des Abkommens zu hoch sei. Einer spricht von einem „Pakt mit dem Teufel“. Der Hamas könne man nicht glauben. 1000 freigelassene Terroristen werden zum Terror zurückkehren und israelische Soldaten töten. Peter aus Österreich erinnert daran, dass 2012 bereits 1000 Terroristen, er meint inhaftierte Palästinenser, für Soldaten ausgetauscht wurden. Er sieht den 7. Oktober 2023 als direkte Folge davon. Peter lebt mit seiner Frau seit 1971 in Jerusalem. Er ist kein Jude. Er ist Christ. Messianer.

Friedliches Stadtbild in Jerusalem

Natürlich wird im Haus von Christa Behr in Malha – gesprochen Malkcha – seit dem 7. Oktober jeden Tag für das Überleben der Geiseln gebetet. Natürlich sorgt die Freilassung der 33 Geiseln für Erleichterung. Aber auch hier mehr Misstrauen als Vertrauen. Was ist mit den anderen Familien? Wie viele der Geiseln leben noch? Jetzt ist von 98 Menschen die Rede. Aber eine immer wieder geforderte Liste habe die Hamas niemals vorgelegt. Erst jüngst wurden 101 Namen genannt, die aber Israel zuvor der Hamas übersandte, um über den Verbleib dieser Menschen Auskunft zu erhalten. Misstrauen und Hass sind groß.

Es ist eng in der Altstadt – hier am Lions Tor

Es gibt einen interessanten Rundbrief des Publizisten und Redners Doron Schneider, der das Oslo-Abkommen von 1993 als unmittelbare Ursache der Katastrophe vom 7. Oktober identifiziert. Damals wurde der Abzug des israelischen Militärs aus dem Gaza-Streifen und die Quasi-Übergabe an die PLO von Yasser Arafat vereinbart. „Bis zu diesem Abkommen gab es in Gaza keine Raketen, keine Tunnel und keine riesigen Waffenlager. Israelis kauften auf den Märkten von Gaza ein, junge Israelis lernten in Khan Yunis Autofahren und Dutzende jüdische Gemeinden blühten in Sicherheit im Gaza-Streifen“, schreibt Doron Schneider. Er meint ganz offenbar Siedler. Und wieder kollidiert das israelische Sicherheitsbedürfnis mit dem palästinensischen Verlangen nach Freiheit….

Das sind einige Meinungen, die ich hier höre. Die nächsten Tage werde ich zum Ort Nir Galim am Gaza-Streifen aufbrechen, um dort Menschen zu treffen, die die Soldaten unterstützen. In den nächsten Wochen werde ich anderen Leuten, vielleicht mit anderen Meinungen begegnen. Schalom.

Karte Tripadvisor

Der Autor auf dem größten Markt Jerusalems: Mahane Yehuda Market (alle Fotos: Autor)

PS vom 17. Januar: Inzwischen gibt es eine Umfrage der hiesigen Zeitung „Maariv“, nach der fast drei Viertel der Israelis, etwa 73 Prozent, das Abkommen zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas unterstützen Knapp ein Fünftel ist gegen die Vereinbarung. Bei den Wählern der Parteien der Netanyahu-Koalition sieht es ganz anders aus. Nur 52 Prozent stimmen den Deal zu. Das Sicherheitskabinett hat den Waffenstillstand und der Freilassung von Hunderten Palästinensern im Gegenzug zur Freilassung von 33 Geiseln zugestimmt.

3 Gedanken zu “Wirrnis Jerusalem – und was Menschen in Israel über den Waffenstillstand denken

  1. Danke für den Hinweis auf mein neues Buch, das vor dem Hintergrund von Roms sogenanntem Jüdischen Krieg (66-70) spielt. Bei der Recherche besonders faszinierend war, wie schon vor 2.000 Jahren die Grundlagen für den heutigen Konflikt gelegt wurden: Der Verlust des einzigartigen zweiten Tempels zu Jerusalem, die Vertreibung der Judäer aus ihrem Heiligen Land, die Gründung der römischen Provinz Syria Palaestina nach dem Bar-Kochba-Aufstand …

    Ich bewundere deinen Mut, in diesen Tagen Richtung Gaza zu fahren. Pass auf dich auf. Schalom.

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