Schnitzelfreitag in Nir Galim

„Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel. Ich stehe pro Mensch.“ (Abt Nikodemus Schnabel, Dormitio Abtei)

Es ist dunkel frühmorgens um halb Sechs in Jerusalem. Es ist kalt. Aber, was noch schlimmer ist, es fährt keine Straßenbahn. Und ich muss vier oder fünf Stationen von der City Hall bis hin zur Central Station, dem Hauptbahnhof, und von dort noch einmal zehn Minuten zur letzten Tankstelle vor der Autobahn nach Tel Aviv laufen. Aber es ist mein freier Wille. Niemand hat mich gezwungen, in meinem Gartenhaus auf dem Berg Zion um halb Fünf aufzustehen und mich um Fünf auf den Weg zu machen.

Es ist Schnitzelfreitag. Für „unsere Soldaten“. Und ich habe mich rangehängt, um mit Birgitta und anderen patriotischen Israel-Freunden nach Nir Galim zu fahren und zum Schabbat für die Soldaten im Krieg in Gaza Challa zu schmieren. „Schabbos Challa“ ist ein traditionelles jüdisches Zopfbrot, das meist für den Schabbat gebacken wird und unseren hiesigen Hefezöpfen gleicht.

Die gläubigen Juden bereiten sich bereits am Freitagnachmittag auf den Schabbat vor und erledigen noch rasch ihre Einkäufe. Im Übrigen sind die Wörter Sabbat und Schabbat bedeutungsgleich. Und die gläubigen Christen, die die gläubigen Juden in ihrem Kampf unterstützen wollen, müssen eben schon Freitag früh los. Von den Ungläubigen wie mir ganz zu schweigen.

Aufbruch 6 Uhr morgens

Weil ich ja gerne schlaumeiere, hier noch ein Wort zum Ursprung: Challa ist das hebräische Wort für die Steuer, die den Priestern zustand. Nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 (siehe Jerusalem-Blog) wurde von den Rabbinern festgelegt, dass dieser Teil des Brotes nicht mehr den Priestern gegeben, sondern ins Feuer geworfen werden solle. Ja, da wurden die Priester noch zur Verantwortung gezogen. Es ist halt ein Leidesvolk. Das Challa-Nehmen ist eine der drei religiösen Pflichten der Frau im Judentum.

So, und jetzt komme ich. Weder Frau, noch Jude, noch gläubig, noch kriegsbegeistert. Aber wie sagte mir der Benediktiner-Abt Nikodemus bei meiner Ankunft zum Krieg? „Ich stehe nicht pro Palästina. Ich stehe nicht pro Israel, Ich stehe pro Mensch.“ Also Schnitzelbrötchen für Soldaten. Why not. Ob ich damit schon den Krieg unterstütze, vor dieser Antwort drücke ich mich mal.

Challa

Auf Antworten kommen wir hier noch. Die meistgestellte Frage von Freunden an mich in dem Zusammenhang ging jedoch nicht um Krieg oder Frieden, sondern um Schnitzel. Schnitzel in Israel? Ja, Schweineschnitzel dürfen die Juden nicht. Um gleich zu beruhigen, es geht um Hähnchenschnitzel und wir haben auch ein paar vegetarische Varianten dazugelegt. Und übrigens sind Schnitzel eines der beliebtesten Fleischgerichte im Heiligen Land. Nur eben als Hühnchen oder gerade noch so als Pute, wo immer die Viecher auch wachsen.

Um 6 Uhr brechen die Dänin Birgitta, der deutsche Kriegstreiber und ein blutjunger österreichischer Volontär an der Paz-Tankstelle an der Autobahn nach Tel Aviv auf. Es geht nach Nir Galim, einem kleinen Nest von 1500 Einwohnern, das von ungarischen Holocaust-Überlebenden gegründet wurde. Die einen sagen Nir Galim liegt in der Nähe des Gaza Streifens. Die anderen sagen, es liegt bei Aschdod, was es wohl eher trifft. Aber hier ist ohnehin alles nicht weiter als zwei Stunden voneinander entfernt. Wir fahren eine Stunde und kommen dann in einem Moschaw an – sowas ähnliches wie ein Kibbuz, nur kein Kibbuz. Also eine Art Landwirtschaftliche Produktions Genossenschaft. Israel lebt im Genossenschaftssystem, das die Ost-DDR gründlich versaut hat.

Und wir sind nicht die einzigen. Ganze Schulklassen treffen ein. Deutsche Siedler, im Sinne von Christen aus Deutschland, die hier in der Gegend ganze Dörfer aufgebaut haben. Und irgendwelche Freizeit-Helfer, so wie wir.

4300 Schnitzel-Brötchen sind es am Ende

Auf langen, langen Tischen stehen das vorbereitete Zopfbrot, irgendein israelisches Tomaten-Auberginen-Ketchup, Hühnchenschnitzel, Gurken und Remoulade bereit. Vier Brötchen immer gleichzeitig – Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade; Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade… Drei Stunden lang. Irgendwann muss ich so um die 180 Challa geschmiert haben. Alle eintausend Brote gibt es einen Glockenschlag. 4300 sind es am späten Vormittag. Applaus und Jubel. Die Soldaten-Menschen werden es danken.

Ketchup, Gurken, Chicken, Remoulade…

Und es wird geredet. Eden, eine Lehrerin, die mit ihren Schülern gekommen ist, erzählt mir zum jüngsten Geisel-Deal, der in Katar ausgehandelt wurde, und dem am Freitag das Sicherheitskabinett von Benjamin Netanyahu zugestimmt hatte, dass sie zwiespältige Gefühle habe. „Der Bauch sagt Nein. So viele Terroristen werden entlassen. Die werden wieder zuschlagen. Der Kopf sagt Ja. Alles, was wir wollen, ist die Befreiung der Geiseln. Nun werden weitere entlassen. Das ist gut.“

Eine Solidaritäts-Aktion, zu der Viele kommen und für die Viele spenden

Omer, ebenfalls mit Schülern hier, widerspricht ihr: „Das ist gut. Das wollen wir doch. Geiseln frei und Waffen schweigen. Aber die israelische Armee hat schon vor Monaten erklärt, dass sie ihre Ziele erreicht hat. Warum macht Bibi immer noch weiter? Darunter leiden tausende Kinder in Gaza. Es ist Krieg. Und Krieg ist schlecht. Auch für uns.“ Es geht hin und her. Aber eigentlich wollen die Menschen nicht über den Deal sprechen, sondern sind hier, um Challah für die Soldaten zu bereiten. Am Ende werden Lieder gesungen. Ein Junge berichtet von seinen Eltern oder einen Bruder, ich habe es nicht richtig verstanden, die bei dem „Supernova“-Musikfestival in der Negev-Wüste beim Hamas-Massaker fünf Kilometer vom Gaza-Streifen getötet wurden. Schweigen. Betroffenheit. Hier ist nichts falsch.

Ich muss eines berichtigen. Am Mittwoch vor dem Schnitzelfreitag bin ich – zum zweiten Mal – in einem Hauskreis in Malha, einer Vorstadt Jerusalems gewesen. Dort stehen alle fest hinter Benjamin Netanyahu. So habe ich es geschildert. Hier betet man für Netanyahus Gesundheit, „damit er uns gut regieren kann“. Hier findet Peter aus Österreich: „Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, einen Prozess gegen Netanyahu zu führen.“ Hier findet man den Deal zur Freilassung von „Hamas-Teufeln“ grundfalsch.

Am Schnitzelfreitag hat die gemäßigt konservative Zeitung „Maariv“ , einst gegründet von einem Leipziger Juden, eine Umfrage veröffentlicht, nach der fast drei Viertel aller Israelis, nämlich etwa 73 Prozent, das zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas geschlossene Abkommen über einen Waffenstillstand und die Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln für richtig befinden. Selbst dann, wenn im Gegenzug für die Entlassung palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen freigelassen werden. Darunter werden ganz sicher auch Terroristen sein. Neben – nach unserem Verständnis – Unschuldigen.

Zurück zur Umfrage: Knapp ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist gegen die Vereinbarung. Es wurde auch gefragt, ob Israel seine Kriegsziele erreicht habe. 36 Prozent meinten, keines der Ziele sei erreicht. Einerseits sind viele Israelis der Ansicht, es sei falsch, eine Vereinbarung mit einer Terrororganisation zu unterschreiben. Andererseits müssen die 98 Geiseln, die sich weiterhin in der Gewalt der Hamas befinden, irgendwie freikommen, so sie noch leben. Dieser Aspekt ist für die meisten Israelis offensichtlich ausschlaggebend.

Als wir am Mittag aus Nir Galim zurückkommen, liegt Jerusalem im Sonnenschein. 20 Grad. Die Stadt erwartet den Schabbat. Bis 16 Uhr haben hier noch die Geschäfte auf. Am Sonnabend ruht das Land. Konsequent. Mich erreicht am Nachmittag eine Nachricht, in der sich drei Soldaten für die Schabbat-Brote bedanken. Es war kein verlorener Tag für Israel und kein verlorener Tag in Israel. Schalom Schabbat.

Der Autor als Challah-Experte am Schnitzelfreitag in Nir Galim. 180 Brötchen in drei Stunden für die Sache…

2 Gedanken zu “Schnitzelfreitag in Nir Galim

    • Großartiger Einsatz und herrlich geschildert. Zur richtigen Zeit am wichtigen Ort. Freue mich auf weitere Berichte von der Basis – ob aus Küche oder Kneipe. Schalom!

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