Israel außer Rand und Band – und alles wegen Esther

„Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein…“ (Biblischer Vers, Prediger 10.8)

Triggerwarnung: Gewalt, Rauschmittel, schlechte Ausdrücke, Religion

Wer in diesen Tagen in Jerusalem, Tel Aviv oder anderen Orten in Israel unterwegs ist, wird…, ach was, muss sich fragen: Hä, wo bin ich hier gelandet? Bei der Fastnacht in Stuttgart, beim Karneval in Köln, beim Fasching im Kindergarten? Sorry, ich bin bekanntermaßen weder besonders bibelfest, noch tauge ich als Jeck für die richtigen Begrifflichkeiten dieser Verkleidungsorgie in Deutschland.

Jedenfalls feiert auch halb Israel so eine Art Karneval in diesen Tagen. Nur hier heißt es Purim. Und da ist Verkleidung Pflicht. Einlassordung zur Purim-Party in Tel Aviv am Strand: „Cabaret Tel Aviv – Bitte kleiden sie sich entsprechend“ Oder an anderer Stelle: „Kostüm erforderlich“. Mhm. Und es wird getrunken, ach was gesoff… Aber unsere jüdischen Mitbürger machen das alles natürlich nicht freiwillig. Sie sind ja nicht jeck. Nein, es ist alles wegen Esther. Esther, die Schöne ist schuld.

Die schöne Esther oder Maria Callas – das ist hier die Frage

Das steht schon so im Alten Testament. Und was im Buch der Bücher steht, ist Gesetz. Und auch wenn man sonst hier kaum Alkohol trinkt, wenn ein König 480 Jahre vor Christi sagt, alle sollen trinken und essen so viel sie können – frei gedeutet-, dann muss man dem auch noch 2500 Jahre später folgen – und sich das Zeug reinwürgen. Logo, oder? Zumal der babylonische Lehrer Rabba anweist: Man soll so lange trinken, bis man nicht mehr unterscheiden kann zwischen „Verflucht sei Haman“ (Schuft) und „Gelobt sei Mordechai“ (positiver Held). Na dann L‘Chaim.

Womit wir beim Thema sind: Das spaßige Fest hat einen ernsten Hintergrund. Gefeiert wird eigentlich, wie Juden in biblischer Zeit mit List und Tücke einem Pogrom, Völkermord, entgingen. Kleiner gehts nun mal nicht in der jüdischen Welt.

Am Vorabend wird auf allen Plätzen, in Synagogen und Familien das Buch Esther laut vorgelesen

Die Geschichte einmal einfach erzählt: Die junge Jüdin Esther lebt in der persischen Stadt Susa. Vor vielen Jahren wurde ihre Familie aus Jerusalem verschleppt. Esther wurde von ihrem Cousin Mordechai, nennen wir ihn hier mal Modchi, großgezogen. Er ist ein Diener des Königs von Persien. Eines schönen Tages sucht König Ahasverus eine neue Königin. Er wird seine Gründe gehabt haben, von Streitsucht geht die Rede. Bei ihr, n a t ü r l i c h nicht bei ihm. Seine Diener schleppen die schönsten Frauen zu ihm – also auch die schöne Esther. Von allen wählt der König Esther als Königin aus. Modchi empfiehlt ihr, sie solle lieber nicht verraten, dass sie eine Jüdin ist. Wer weiß, wer weiß… Da ist ja immer was.

Nun kommt des Königs Großwesir Haman ins Spiel. Ein hochnäsiger Mann, der verlangt, dass sich alle vor ihm verbeugen sollen. Aber Modchi, der widerborstige Jude, weigert sich. Das macht Haman so wütend, dass er ihn töten will. Außerdem erfährt Haman da erst, dass Modchi ein Jude ist. Da überlegt er sich, dass er doch mal fix alle Juden im Land töten könnte. Er sagt zum König: „Die Juden sind gefährlich. Du musst sie loswerden!“ Der König antwortet was ein König immer antwortet: „Mach, was du für richtig hältst.“ Dann erlaubt er ihm, ein Gesetz zu machen. Der König lost den Vernichtungstag aus. Es ist am 13. Tag des Monats Adar. Das hebräische Wort „Pur“ ist die Übersetzung für „Los“. Purim ist auch persischen Ursprungs, so etwa wie „ein Los ziehen“.

Esther weiß nichts von dem Gesetz. Darum schickt Modchi ihr eine Kopie davon und lässt ihr sagen: „Sprich mit dem König.“ Esther antwortet: „Wer ohne Einladung zum König geht, wird getötet.“ Wir alle kennen ja den Spruch: Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst. Und der König hatte Esther seit 30 Tagen nicht mehr eingeladen! Nun sprach sie aber mutig: „Aber ich werde gehen. Wenn er mir sein Zepter entgegenstreckt, bleibe ich am Leben. Wenn nicht, sterbe ich.“ Also, sie meinte schon das Zepter.

Esther fastet, macht sich zuckersüß und geht in den Innenhof vom Königspalast. Der König sieht sie. Dann streckt er ihr sein Zepter entgegen. Er fragt: „Was kann ich für dich tun, Esther?“ Sie antwortet gerissen: „Ich möchte dich und Haman zu einem Festessen einladen.“ Es folgt ein Essen und noch ein Essen, und… endlich fragt der König erneut: „Was kann ich denn nun für dich tun, was verlangst du, und sei es das halbe Königreich?“ Esther antwortet: „Ich bin Jüdin. Ich habe mich bislang verstellt und verkleidet. Aber nun will jemand mein Volk töten. Wenn du mich liebst, dann bitte rette uns!“ „Wer will euch ermorden“, will der König nun neugierig geworden wissen. Sie sagt: „Dieser böse Großwesir Haman!“ Da wird König Ahasverus so zornig, dass er Haman sofort töten lässt.

Nach dem unglücklichen Hinscheiden Hamans setzt der König nun Modchi als Großwesir über alle Fürsten ein, gibt ihm Hamans Palast und das Recht, ein neues Gesetz zu machen. Dieses Modchi-Gesetz erlaubt es den Juden, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen werden. Und am 13. Tag des Monats Adar besiegen die Juden ihre Feinde. Und am 14. feiern sie das. Und der König, der selbst gerne Wein trinkt, befiehlt zu essen und zu trinken und zu feiern, was das Zeug hält.

Beim Purimfest in Tel Aviv an der alten Eisenbahnstation

Von da an feiern die Juden diesen Sieg jedes Jahr. Und seit 2500 Jahren feiern sie, dass sie sich verteidigen dürfen, wenn sie denn angegriffen werden. Wie gesagt, nichts geschieht in Israel ohne religiösen (Hinter)Grund. Auch wenn Gott in der Geschichte von Esther mal nicht vorkommt.

Das ist die Story ohne Triggerwarnung. Aber da in der Bibel selten etwas unblutig ausgeht, sollte ein kleines bisschen mehr aus dem Originaltext, den ich hier mal verlinke, erzählt werden. Haman hatte bereits einen fünfzig Ellen hohen Pfahl zum Erhängen von Modchi aufstellen lassen. Er wollte es halt gut sichtbar hoch oben haben. Dort ließ der König nicht nur Haman selbst erhängen, sondern auch fix seine zehn Söhne. Und da das neue Gesetz von Modchi auch noch erlaubte, alle Gegner der Juden, die sich im persischen Großreich an ihrer Vernichtung beteiligen wollten, gemeinsam mit Haman umzubringen, starben mit ihm und seinen Söhnen viele, viele Perser. Kurz gesagt, am Ende sind alle Feinde tot. Die Juden sind im Großreich geachtet und glücklich. Und das Purimfest wird als jährliches Freudenfest gefeiert, das an Esthers Tat vor 2500 Jahren erinnert. L‘Chaim.

Aber jetzt kommen die Deutungen. Von zwölf zu Tode verurteilten Nazis wurden nach dem Urteil des Nürnberger Militärgerichtshofs wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit u.a. an sechs Millionen Juden im Oktober 1946 genau zehn aufgehängt. Herrmann Göring nahm am Vorabend ein Zyankalikapsel. Martin Bormann wurde in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Julius Streicher, NSDAP-Gauleiter und Herausgeber des Hetzblattes „Der Stürmer“ verabschiedete sich bei seiner Hinrichtung am 16. Oktober 1946 mit den Worten „Heil Hitler! Das ist das Purimfest 1946.“

Einen ganz aktuellen Bezug zur kleinen Schoa am 7. Oktober 2023 stellte eine Bibelrunde letzten Mittwoch beim wöchentlichen Freundeskreis bei Christa Behr in Malha her. Mit über 1100 Toten fand 2023 der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust statt. Dazu der Kommentar im Hauskreis: „Aber wer eine Grube macht, der wird selbst hineinfallen, und wer den Zaun zerreißt, den wird eine Schlange stechen“, heißt es im Alten Testament. „Wer versucht, einen Felsbrocken auf andere hinunterzurollen, wird von ihm zerquetscht“, fügte Luther in seiner Bibel später hinzu. Auch so lässt sich das aktuelle Handeln Israels natürlich religiös erklären, ohne es hier gutzuheißen.

Und nicht zuletzt ist in israelischen Zeitungen in diesen Tagen ein Wortspiel von „Haman“ zu „Hamas“ immer wiedermal zu lesen. Juden feiern mit dem Purimfest eben auch die Vernichtung Hamans, des persischen Großwesirs, der den Juden an den Kragen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Purim ein Fest des Sieges über allen Antisemitismus. Die Ausgelassenheit und die Verkleidungen werden als „lange Nase“ gedeutet, die das jüdische Volk seinen Hassern und allen vergeblichen Vernichtungsversuchen macht. Und außerdem hatte sich Esther ja auch ewig verkleidet und verstellt – und kam mit ihrem Jüdischsein erst ziemlich spät heraus.

Die gesamte Stadt ist verkleidet

Aber zurück zum Purimfest: Bereits am Vorabend des eigentlichen Tages wird in Synagogen und Stadthallen das Buch Esther in ganzer Länge gemeinsam gelesen oder aufgeführt. Es ist die eigentliche, religiöse Hauptsache an Purim. Wenn dabei der Name „Haman“ fällt, machen alle möglichst viel Krach, um den Namen auszulöschen.

In den vergangenen Jahren waren die Feiern immer wieder von der angespannten Sicherheitslage überschattet. 1996 kamen um Purim innerhalb von acht Tagen 63 israelische Zivilisten in vier Anschlägen ums Leben. Ein Jahr danach kostete das Selbstmordattentat auf das Café „Apropos“ in Tel Aviv drei Frauen an Purim das Leben. Im letzten Jahr fiel das Fest wegen des Krieges ganz aus.

In Schuschan, dem heutigen Susa, feierten die Juden erst am 15. Adar, also einen Tag später, weil sie sich einen Tag länger gegen ihre Feinde wehren durften. Es waren halt ein paar mehr Feinde umzubringen. Deshalb wird bis heute in Israel in den Städten, die bereits zur Zeit Josuas eine Mauer hatten, wie Jerusalem, erst mit „Schuschan-Purim“ am 14. und 15. März gefeiert. In anderen Jahren variieren die Tage im jüdischen Kalender.

Am berühmten Carmel-Markt in Tel Aviv

Eine wichtige Sitte zum Purimfest ist das Versenden von Geschenken, besonders an die Armen (Ester 9,22). Gemeinnützige Hilfsorganisationen wissen die Purimzeit natürlich in besonderer Weise für ihre Zwecke zu nutzen. Schulklassen in Israel sind damit beschäftigt, Geschenkteller mit Süßigkeiten für Soldaten vorzubereiten.

An keinem jüdischen Fest dürfen bestimmte charakteristische Speisen fehlen. An Purim sind es besonders die „Hamantaschen“ oder „Hamansohren“, kleine, dreieckige Gebäckstücke, die mit Süßem gefüllt sind. Über die Anweisung des babylonischen Lehrers Rabba, dass ein Mann aus Freude über die Errettung des jüdischen Volkes am Purimfest so viel Wein zu trinken habe, bis er Gut und Böse nicht mehr unterscheiden kann, wird bis heute diskutiert. Es gibt allerdings orthodoxe Juden, die dieses rabbinische Gebot ernst nehmen. Womit wir wieder beim Trinken wären.

Wolf Biermann hat mal ein Trinklied geschrieben – es gibt ja nicht viele Trinklieder von Wolf Biermann – aber es gibt ein Trinklied von ihm und da gibt es eine Strophe genau darüber. Das geht so: „Es trinken die Juden aus Tradition, ein bisschen zu wenig, ich weiß auch warum.“ Da weiß Wolf Biermann übrigens mehr als ich. Aber sowas soll ja vorkommen. Das zu ergründen, also warum die jüdischen Mitbürger relativ wenig trinken, bleibt einem anderen Text vorbehalten.

L‘Chaim – Auf das Leben!

Der Löwe – das Wappentier von Jeruslaem
Auch Indianer sind am Wegesrand zu sehen
Geschenke gehören natürlich zu Purim dazu

Der Autor – ein Glückspilz

(Alle Fotos: Autor)

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