Zu Hause im Klostergarten

פרידה עם דמעות. (Abschied mit einer Träne im Knopfloch)

Dichtes Pflanzengewirr – und im Hintergrund ein kleines Gartenhaus

Es gibt Orte auf der Welt, von denen behauptet wird, dass man bei ihnen zweimal weine. Einmal bei der Ankunft, und einmal beim Abschied. Ich würde Jerusalem Unrecht tun, wenn ich behauptete, dass ich bei meiner Ankunft am 5. Januar weinte. Nein. Aber der Anfang hier ist mir nicht leicht gefallen. Nun jedoch davor zu stehen, morgen wieder abzureisen, das fällt mir wirklich schwer. Es ist so unglaublich. Erst dachte ich, das halte ich niemals ein viertel Jahr aus. So anders als Tel Aviv. So verstaubt. So historisch. So biblisch. Aber wow? Ein viertel Jahr in Jerusalem. Welch‘ ein Erlebnis. Heute habe ich, ich gebe es zu, eine Träne im Knopfloch – und vielleicht auch eine in den Augenwinkeln.

Ich habe mir hier eine Kippa gekauft. Ja, jetzt werden viele zu Hause denken, klar, der Opportunist, ein Leben vom Halstuch direkt zur Kippa. Wenn du hier die Klagemauer besuchst, oder eine Synagoge oder die ewige Flamme in Yad Vashem, wenn man heilige Stätten in Tiberias, in Haifa oder Nazareth betritt, dann braucht man so ein Ding. Diese bereitgehaltenen Besucher-Kippas sind so gar nicht meins. Du nimmst sie aus einer Kippa-Kiste, in der schon Tausende vor dir herumgegrabbelt haben, und denkst sofort an Läuse. Eine Kippa ist in Isrel nicht teuer. Vielleicht kostet ja eine mit dem Bild von Donald Trump oben drauf etwas mehr.

Es gibt Trump-Fans hier, ja so einige. Das nur dazu, dass ich die Menschen hier auch nach drei Monaten noch lange nicht verstehe. Ich bin ja hier hergekommen, um Israel zu verstehen. Jetzt verstehe ich viele Gründe für das Handeln der Israelis. Das heißt nicht, dass ich es stets gutheiße. Aber ich glaube zu wissen, warum manches so ist, wie es ist. Dazu kommen wir noch.

Verrückte gibt es eben überall auf den Welt – das Gute: Ich habe niemand eine solche Kippa tragen sehen.

Wer zwei Wochen in Israel ist, möchte ein Buch schreiben. Wer zwei Monate hier ist, möchte einen Artikel schreiben. Wer zwei Jahre hier ist, möchte gar nichts mehr sagen, lautet ein Sprichwort in Israel. Der Probst von Jerusalem, Joachim Lenz, hatte es mir am Anfang mit auf dem Weg gegeben. Er ist so etwas wie ein Israelbegleiter für mich geworden. Das Sprichwort trifft es. Es stimmt. Und es stimmt auch wieder nicht. Ich habe hier so viele Menschen getroffen, die so offen waren. Die mir ihre Geschichte und ihre Geschichten erzählt haben, ohne dass wir uns schon Jahren kannten. Das alles konnte ich natürlich nicht in diesen Blog gießen. Ich habe viele dieser neuen Bekanntschaften meinem Hebräisch-Lehrer und inzwischen vielleicht auch Freund Uwe Seppmann zu verdanken. Alle Menschen, die Du hier kennst, konnte ich nicht besuchen, Uwe… Aber Danke, Du hast mir die Tür zu Israel geöffnet. Nur noch Hineingehen musste ich selbst.

Ich habe in diesem Blog viel ausgebreitet – aber wie gesagt lange nicht über alles geschrieben. Ich habe nicht über das relativ neue „Book of Names“ in Yad Vashem geschrieben, in dem alle Besucher des Mahnmals nachblättern, ob der Name ihrer Familie in ihm auftaucht. Sechs Millionen Tote! Tausende Schneiders, Rosenbaums, Löwentals… Kein Koslik. Aber Kosiks. Ich habe meinen Freund Udo begleitet, der als Generalsekretär der Kultusministerkonferenz einen Staatsbesuch vorbereitete. Wir waren im Bildungsministerium. Ich war in der große Synagoge in Jerusalem zu Purim. Ich habe das widerrechtlich besetzte Al-Ram in der Westbank besucht und war in Jericho. Ja, ich habe hier sogar eine Sauna gefunden. Jerusalem kann im Winter auch kalt sein. Und ich habe mein Handy x-mal ultraorthodoxen Juden gegeben, die zwar kein Telefon hatten, aber offenbar eine Nummer um anzurufen.

Wem gehört die Stadt? Die Frage stellt sich bei diesem Foto von der Jaffa Street an der City Hall in Jerusalem nicht!

Ich habe auch nicht über den Kibbuz Be’eri geschrieben. Einer der bekannteren Kibuzze des Hamas-Terros. Er soll bis 2027 wieder aufgebaut werden. Mit deutscher Hilfe. Solange leben die Bewohner in einer künstliche hochgezogenen Wohnanlage des Kibbuz Chazerim in der Wüste Negev, wie in einem Raumschiff. Ist das gut? Fünf Jahre weg von der eignen Scholle. Was passiert da mit den Menschen? Kann man sie nicht verstehen, wenn sie wütend sind. Dass ihre Söhne und Töchter, ihre Armee und manchmal auch ihre Rabbis gnadenlos sind?

Erst vor wenigen Tagen traf ich den Chefredakteur von „Israel heute“. Aviel Schneider lebt seit 1978 in Jerusalem. Sein Vater Ludwig Schneider wurde als Sohn jüdischer Eltern geboren, die den Holocaust überlebten, weil sie von einer Küsterfamilie in Quedlinburg versteckt wurden. Die Familie floh nach dem Krieg ins Rheinland. Später, wie gesagt, Jerusalem und das Magazin „Israel heute“. Geschichte kann so nahe sein.

Aviel, Israel ist so klein und persönlich, dass sich eigentlich alle hier duzen, lebt in der Nähe von Jerusalem. Als am 7. Oktober die Hamas den Süden überfiel, standen seine drei Söhne am nächsten Morgen vor der Tür, holten ihre Waffen und fuhren in den Krieg. „Das Militär war nicht vorbereitet. Das werfe ich Bibi vor. Wir haben alles gekauft. Ausrüstung, Westen, Helme, Drohnen…“, berichtet Aviel, der aber sonst ein Netanjahu-Wähler zu sein scheint. „Als der Krieg kam, habe ich meine linken Ausfassungen in die Schublade gesteckt und diese verschlossen“, sagt er mit Blick auf die PLO, die heute die Fatach ist, mit Blick auf die Hamas, mit Blick auf die Palästinenser. Ich glaube nicht, dass Aviel viele linke Auffassungen hatte. Aber so wie er reagieren viele Menschen hier.

Das Leben geht weiter, auch wenn die Waffe immer dabei ist.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn haben im Oktober 2023 geheiratet. Die Hochzeit durfte wegen des Krieges nicht so riesig sein, wie geplant. Aber als die Söhne dafür für 12 Stunden aus dem Krieg nach Hause kamen, haben sie gefragt: Seid ihr meschugge? Ihr streitet euch über links, rechts, Nethanjahu „Ja“, Nentanjahu „Nein“, und wir kriechen durch die unterirdischen Gänge in Gaza und räuchern die Hamas aus? „Sie retten Israel, nicht unsere Diskussionen“ sagt Aviel Schneider. „Ich bin stolz auf die Jungen.“

Aviel Schneider sagt auch: „Israel hat noch nie einen Krieg begonnen. Wir haben uns immer nur verteidigt.“ So ist das Recht seit der Geschichte Esther 480 Jahre vor Christi. Für Aviel ist klar, die Geschichte des Landes ist im Alten Testament geschrieben. Politik und Religion sind in Israel eins. Und als ich in zweifelnd frage, ob das eine gute Idee ist, fragt er: „Wenn eure Soldaten bald in der Ukraine in den Krieg ziehen, wofür tun sie das? Unsere Soldaten kämpfen für Israel. Das Leben in Israel macht Sinn. Du weißt, wofür du kämpft.“ In den letzten Tagen nahmen die nächtliche Bombenalarme wieder zu. Diesmal kommen die Raketen aus dem Libanon.

Man muss Aviels Postion nicht teilen. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die im Westjordanland Hilfe leisten. Ich habe mit Palästinensern gesprochen, die um ihre Häuser fürchten. Aber man sollte solche Meinung kennen, um vielleicht doch ein bisschen zu wissen, wie die Menschen hier ticken. Und ich habe viele Aviel Schneiders gehört… Und ich habe ein Konzert mit Effi Netzer – ein bisschen wie Heino oder Roy Black – erlebt, bei dem der gesamte Saal im Jerusalem Theater tobte als er sang „Schalom Al Israel“ – Friede, Friede, Friede sei mit Israel. Was er sonst noch bei stehendem Applaus sang, kann man auf einem Foto hier sehen.

Effi Netzers Geburtstagsshow im Jerusalem Theater – der Saal stand Kopf .

Ist es wirklich ein gute Idee nach Israel zu gehen? Ist es wirklich eine gute Idee jetzt hierher zu fahren? Das muss jeder für sich entscheiden. Niemand kann so einfach mit dem Finger schnipsen – und sagen Ja. Für mich war es eine gute Entscheidung. Ich habe so viele Menschen kennen gelernt, und viel Dinge getan, die mir in meinem etwas älteren Leben so nicht über den Weg gelaufen wären. Ich habe in einem Gartenhaus eines Klosters gewohnt. Großartig. Internet manchmal. Braucht man bei Gott ja auch nicht. Warmes Wasser, später ja. Strom war auch schon mal Glückssache. Aber es war wirklich ein tolles Gartenhaus. So viel Grün rundum. Und soviel Geschichte direkt am Abendmal-Saal und an Davids Grab, dem vermeintlichen zumindest.

Ich bin nicht christlich geworden, tut mir leid Uwe. Ich bin ein Mensch, der sich die Welt anschaut, um zu einer Weltanschauung zu kommen, die sich ganz sicher von der unterscheidet, die mir in der Schule mitgegeben wurde. Vorallem steht da Toleranz und Akzeptanz. Was vielen heute so schwer fällt. Auch in Israel. Ich war im Bah‘ai Tempel, wo geschrieben steht „Du sollst keine andere Religion hassen.“ Und ich habe für eine Kirchenzeitung darüber geschrieben, wie auch die Christen von rechtsradikalen Siedlern langsam aus Jerusalem vertrieben werden. Dafür fand ich hier keinen Platz mehr. Vielleicht reiche ich den Artikel im Blog nach. Sei 2014 gibt es hier eine „Gesetz über das Eigentum von Abwesenden“. Das gibt den Siedlern das Recht all das zu tun, was sie tun. Und ich habe arabische Frauen getroffen, die genauso auf Jerusalem als ihre Hauptstadt schauen, wie jüdische Israelis.

Beliebter Aussichtspunkt auf dem Ölberg mit Blick auf den Felsendom – Lyla bat um ein Foto

Die Tora, die heilige Schrift der Juden, weist den Menschen hier den Weg. Es kommt auf den Weg an, nicht auf das Ziel. So ist das Leben. Der Weg ist voller Herausforderungen, wie man heute so schön sagt. Es kommt auf die Reise an, nicht auf ihr Ende. Das kennen wir ja ohnehin. Und das kommt ja auch von ganz alleine.

Danke euch allen da draußen, dass ihr meinen Blog gelesen habt. Es war grandios zu sehen, dass doch ein paar Leute am anderen Ende der Leitung sind. Danke! Wenn ich zurückkehre nach old Germany – hi, hi old Germany, und das in Jerusalem – dann ist dieser Blog natürlich nicht zu Ende. Es gilt noch über ein wenig Kunst zu berichten, wie über Yoko One in der Nationalgalerie ab 11. April in Berlin. Und es wird auch einen neuen Jakobsweg-Blog geben. Das Leben geht weiter. Und was für eines. Es bleibt spannend. Bleibt dran und habt eine gute Zeit, wo immer ihr auch seid.

***

Epilog: Ihr wollt wissen, warum die Israelis so sind, wie sie sind? Die Charta, der Grundsatz aller Israelis lautet „Masada wird nie wieder fallen.“ So lautet der Schwur der Elitesoldaten seit der Gründung Israels. Masada ist ein rotes Felsenmassiv in der Judäischen Wüste am Toten Meer, wo sich vor 2000 Jahren die letzten Juden in Israel vor den Römern verschanzten. Als die schließlich die letzte Mauer nach langer Belagerung stürmten, hatten sich alle Bewohner bereits selbst mit dem Schwert gerichtet. Kinder, Frauen, Männer, Alte.
Am 7. Oktober 2023 ist Masada erneut gefallen.

Die Freddy Lemon-Bar auf dem Mehane Yehuda Markt in Jerusalem. Meine Lieblingsbar. Bier allerdings 10 Euro…

8 Gedanken zu “Zu Hause im Klostergarten

  1. Gott sei Dank kommst du jetzt zurück. Das läßt auf weitere Beiträge hoffen (Zwei-Monats-Regel). Danke für diese wunderbaren Eindrücke aus dem kleinsten Zentrum der Weltgeschichte. Ich wusste viel über die frühreren Bewohner der Stadt und ihre vielen Herrscher und fast nichts über die Menschen, die jetzt dort leben. Das hast du geändert. Wie es scheint hat sich der alte Konflikt des Josef ben Mattitja, den die Welt heute als Flavius Josephus kennt („kann ich Jude und zugleich Weltbürger sein?“), bis in die jetzige Zeit gerettet. Ichfreue mich auf deine Erzählungen!

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  2. Hallo Stefan, ich hab heute deinen Blog gelesen und bin soooo beeindruckt. Drei Monate auf Erfahrungsjagd. Hut ab. Es ist aber auch schön zu hören, dass du jetzt wieder nach Hause kommst. Ganz liebe Grüße Dorit

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  3. Lieber Max, danke für deine Erweiterung des Blickes auf die Welt, die witzigen Worte auch bei ernsten Themen, deine Neugier und Unternehmungslust. Nun komm gut heim und erzähl dann alles, was sonst so war…

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    • Nicht ganz, 500 Meter von hier bei den Armeniern, in der apostolischen Kirche, liegt ja angeblich der Kopf des hi. Jakobus, der wegen Erfolglosigkeit bei der Christianisierung der iberischen Halbinsel in Jerusalem von den Römern geköpft wurde. Es heißt nur sein Körper kam zurück nach Campostela, wer weiß, wer weiß…

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  4. Danke Stefan, für all die Eindrücke, die du so interessant vermittelt hast. Vieles hab ich begriffen, von dem ich vorher keine Ahnung hatte. Manches ist mir unverständlich geblieben, eine Welt, von der ich nichts verstehe. Trotzdem war ich immer wieder neugierig, was du als nächstes zu berichten hast…. Ich habe viel kennengelernt, auch über dich! Komme gut wieder nach Hause und freue dich darauf!!!

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  5. So lieber Max-Stefan, nun also zum letzten Teil auch mal ein kurzer Kommentar von mir. Ich bin beeindruckt! Beeindruckt und gespannt auf Deinen Bericht beim nächsten Treffen.

    Komm gut nach Hause zu Deinen Lieben. Bis bald!!

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