In der Berlinischen Galerie ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die das Leben eines der bedeutendsten Maler der Moderne höchst privat nachzeichnet – Lovis Corinth

© Stiftung Hamburger Kunsthalle, Artothek, Foto: Elke Walford
“Ich habe heute eine Profil-Zeichnung von Corinth zu Ende gemacht, die ich gestern angefangen habe. Soeben ist Corinth mit Papier und Pastellstiften losgegangen, um in einer Fleischerei Skizzen zu machen. Wir schwimmen hier zusammen alle Tage im See, was einen Heidenspaß macht; ich schwimme immer bloß ein kleines Stück und dann halt ich mich bei Lovis fest, weil ich ein rechter Feigling bin.“
So schreibt es Charlotte Berend-Corinth am 2. August 1906 in ein Tagebuch für ihren Sohn Thomas. Lovis Corinth verbrachte damals manches Sommerwochenende mit seiner deutlich jüngeren Frau in dem kleinen Lychen in der Uckermark. Die meiste Zeit allerdings verbrachte Charlotte mit dem knapp zweijährigen Thomas allein, ständig wartend auf den großen Meister. Der genoss 1906 in Berlin den Höhepunkt seiner gesellschaftlichen Karriere. Charlotte beschwerte sich in manchem Brief an ihn über die Einsamkeit, was später Thomas Corinth in einer Sammlung als „Briefe aus dem Sommer 1906 in Lychen“ dokumentierte. Aber dazu kommen wir noch. Malerisch war es damals in Lychen allemal. Ein Sommermärchen?
Rund 80 Werke des großen Malers der Moderne und etwa 30 Arbeiten seiner Schülerinnen und von Zeitgenossen sind derzeit noch bis Ende Januar in der Berlinischen Galerie in Kreuzberg zu sehen. „Lovis Corinth. Dann kam Berlin!“ zeichnet ein Gesamtbild seines Schaffens in all seinen Widersprüchen. Der Maler (1858–1925) zählt zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Berliner Kunstszene. In Tapiau in Ostpreußen in der Nähe von Königsberg geboren und aufgewachsen, zog er 1900 von München nach Berlin. „Die Reichshauptstadt war zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich progressiver und lebendiger als die bayrische Residenzstadt. „,Angefangen hat es erst in Berlin‘, hat Corinth seine Erfolgsgeschichte an der Spree kommentiert“, so der Direktor der Berlinschen Galerie, Thomas Köhler.
Als Corinth zunächst den Impressionismus verpasste
Im Fokus der großen Schau, die von Stefanie Heckmann und Janina Nentwig kuratiert wurde, steht Corinths steile Karriere und sein großer Einfluss auf die Kunstszene der Stadt. Aber fast noch mehr sein privates Umfeld, insbesondere der Einfluss seiner 22 Jahre jüngeren Frau. Wie modern der Künstler malte, lebte und dachte, zeigen in der Ausstellung weniger bekannte Themen, denen eigene Kapitel gewidmet sind, wie Corinths Malschule, in der er vor allem Frauen unterrichtete, und seine Arbeit für das Berliner Theater.
Dabei war der Anfang der künstlerischen Karriere des – sich selbst so bezeichnenden – „Bauernsohns aus Ostpreußen“ gar nicht so überzeugend. Offiziell schlug die Geburtsstunde des Impressionismus in den 1870er-Jahren in Paris. Damals setzte sich eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern mit einer eigenen Ausstellung von der alljährlichen großen Kunstausstellung, dem „Pariser Salon“, ab. Ihr Malstil wurde als Impressionismus bezeichnet, nach einem Gemälde von Claude Monet „Impression, soleil levant“ – Sonnenaufgang. Die Impressionisten brachen mit der Tradition des Klassizismus, malten unter freiem Himmel und widmeten sich ganz der Farbe. Lovis Corinth, der damals in Paris Kunst studierte, bekam davon jedoch erstmal gar nichts mit. Er widmete sich vor allem der Akt- und Historienmalerei. Auch in München verpasste er den Impressionismus, wie er später bekannte. Er war tief im Klassizismus verankert.

Foto: Günter König
Die Berliner Kunstszene
Lovis Corinths erste Erfolge in Berlin fielen mit der Blütezeit der Moderne in der Stadt zusammen. Die fortschrittliche Künstlervereinigung der „Berliner Secession“ gründete sich 1898/99. Eine ehrgeizige Galerienszene, die in München noch fehlte, engagierte sich für die fortschrittliche Kunst aus Protest gegen den konservativen „Verein Berliner Künstler“. Corinths enger Freund, der Maler Walter Leistikow, verschaffte ihm erste Porträtaufträge der Berliner Gesellschaft und führte ihn in Kunst- und Theaterkreise ein. Mit dem ihm eigenen Humor kommentierte Corinth: „Durch die Salons schwimme ich wie ein Hecht, als wenn ich mich nie in anderen Kreisen bewegt hätte. Meine Erfolge hier habe ich Leistikow zu danken.“
Dennoch konnte Corinth auch zu dieser Zeit nach einem elfjährigen Kunststudium, das ihm sein Vater als wohlhabender Kürschner in der Nähe von Königsberg finanziert hatte, noch nicht von seiner Kunst leben. Als er 1901 nach Berlin zog, eröffnete er in seiner Atelierwohnung in der Klopstockstraße eine Malschule für Akt und Porträt. Schon in München hatte Corinth von einer „Malschule für Weiber“ gesprochen, die er in Berlin gründen wolle. Für Frauen gab es nur an wenigen Universitäten überhaupt ein Immatrikulationsrecht. Frauen, die Künstlerinnen werden wollten, waren gänzlich auf private Ausbildungsstätten angewiesen. Für junge Maler wie Corinth war die Lehre eine gute Einkommensquelle.

Foto: Autor
Zu seinen ersten Schülerinnen gehörte seine künftige Ehefrau Charlotte Berend. Corinth war umgehend schockverliebt in die damals 21-jährige Charlotte. Kuratorin Janina Nentwig schildert im Gespräch mit dem Autor, dass Berend und Corinth bereits 1902 zu einer ersten Mal- und Studienreise an die pommersche Ostsee nach Horst aufbrachen, noch lange nicht verheiratet und mit dem Wissen seiner künftigen Schwiegermutter. Ein Skandal in Berlin des anfangenden Jahrhunderts. Während der Malreise von Juli bis September 1902 entstand auch noch das Gemälde „Mädchen mit Stier“. Es zeigt Charlotte, die einen Stier am Nasenring führt, was damals in der Berliner Secession hinter vorgehaltener Hand als Doppelporträt von Berend und Corinth geflüstert wurde, zumal der Maler es nach der Reise in der Secession auch noch öffentlich präsentierte. Die 22-jährige Berend mit dem 43-jährigen Corinth als gezähmten Bullen in aller Öffentlichkeit! Das machte den Skandal komplett. Ihn juckte es offenbar nicht. „Zeit ihres Lebens begegneten sich der Künstler und die Künstlerin auf Augenhöhe“, berichtet Kuratorin Janina Nentwig. Corinth wurde bereits damals in einem Atemzug mit Max Liebermann genannt. Also ein richtig großer Name, der allerdings in der Gegenwart etwas an Glanz gegenüber Liebermann verloren hat.
Für das Paar, das 1904 heiratete, waren Arbeit und Privatleben eng miteinander verbunden. Berend-Corinth war nicht nur das Lieblingsmodell ihres Mannes, das er in zahlreichen Werken festhielt. Die selbstbewusste Malerin wurde von ihrem knapp 22 Jahre älteren Mann auch als unentbehrliche Ratgeberin in künstlerischen Dingen geschätzt. Nach der Hochzeit stellte Berend-Corinth die eigene Karriere zurück, übernahm Haushalt und Kinder. Ihre Arbeit als Künstlerin setzte sie jedoch kontinuierlich fort und stellte in der Berliner Secession aus. Ihr Mann unterstützte sie darin. Das entsprach bei weitem nicht den Konventionen der Zeit.
Jährlich zum Geburtstag ein Selbstporträt
Sein eigenes Leben dokumentierte der Maler und Grafiker mit einem Selbstporträt zu jedem Geburtstag. So ist quasi zeitgerecht seine Entwicklung vom Impressionismus zum Expressionismus nachzuvollziehen, aber auch der Wechsel seines Malstils nach einem Schlaganfall 1911. Den nahmen die Nazis zwei Jahrzehnte später zum Anlasse, um 350 seiner Werke als Entartete Kunst zu diffamieren und aus den Museen zu verbannen. Was aber nicht bedeutet, dass sie nicht später gewinnbringend von den Nazis verkauft wurden.

© Stiftung Stadtmuseum, Foto: Oliver Ziebe


Ein Monarchist mit Leib und Seele, der in der DDR verehrt wurde
Der Maler sah sich selbst stets ausdrücklich als Vertreter einer „deutschen“ Kunst. Der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs hatte ihn in seinem nationalen Zugehörigkeitsgefühl nachhaltig erschüttert. Am 10. November 1918 notierte er: „So ist der Hohenzollernstaat mit Stumpf und Stiel einstweilen ausgerottet. Ich fühle mich als Preuße und kaiserlicher Deutscher.“ Corinth starb 1925 mit 67 Jahren und sollte den Nationalsozialismus und dessen Umgang mit seinem Werk nicht mehr erleben. Charlotte Berend-Corinth emigrierte 1931 als Tochter einer jüdischen Kaufmannsfamilie nach Italien und schließlich 1939 aus der Schweiz in die USA nach New York, wo der gemeinsame Sohn Thomas bereits lebte. 1967 starb sie mit 86 Jahren in New York City. Noch im selben Jahr wurden ihre Werke in der Ostberliner Nationalgalerie gezeigt; sie hatte an der Konzeption der Ausstellung noch mitgewirkt, die durch ihren Tod zur Gedächtnisausstellung wurde.
Bedeutend auch war Corinths Hinwendung zur Bühne. Um die Jahrhundertwende boomte in Berlin nicht nur die moderne Kunst, sondern auch das Theater. Man stritt über das neueste Schauspiel von Gerhart Hauptmann, die aktuelle Oper von Richard Strauss und begeisterte sich für die Regie Max Reinhardts. Den Aufstieg Berlins zur führenden Theaterstadt Europas verdankte man wesentlich dem experimentierfreudigen Theatermann Reinhardt. Für sein bildmächtiges Regietheater arbeitete er mit modernen Malern und Bildhauern zusammen. Lovis Corinth war neben Max Kruse und Leo Impekoven der erste bildende Künstler, der für Reinhardt Kostüme und Bühnenbilder entwarf. 1903/04 arbeitete Corinth an mehreren erfolgreichen Inszenierungen mit.
Bild zur Skandaloper: „Salome mit dem Haupt des Johannes“
Corinths Interesse am Theater zeigt sich auch in seinen Gemälden. Als Reinhardt 1903 mit der Schauspielerin Gertrud Eysoldt Oscar Wilds Fassung der Geschichte von Herodes und Salome aus dem Neues Testament auf die Bühne brachte, übrigens in einer Privatvorstellung im Neues Theater unter Polizeiaufsicht, gab es nicht nur einen Skandal in Berlin, sondern der Maler bat die Darstellerin der Salome um ein Porträt. Diese saß ihm dafür nicht nur vier Stunden lang Modell, sondern Corinth lieh sich auch noch von Reinhardt die Requisite des abgeschlagenen Kopfes von Johannes dem Täufer aus. „Salome mit dem Haupt des Johannes“ wurde ein weiteres Skandalbild in der Berliner Kunstszene.

Ausgesprochen beschaulich hingegen ging es drei Jahre später der Aufenthalt in Lychen in der Mark zu. Während Lovis Corinth in Berlin weiterhin für Aufsehen sorgte – und sich so manches Wochenende vor einer Fahrt nach Lychen drückt, klagt Charlotte mit dem kleinen Thomas im Schlepptau, dass sie in der Mark versauere. Den gesamten Juni saß die 26-Jährige in dem kleinen Haus und fühlte sich verlassen von der Welt. Corinth schreibt am 19. Juni 1906 seiner geliebten Petermannchen (sein Kosename für sie):
„Mein lieber Petermann: Dein Brief liest sich wie von einem Backfisch und nicht wie von einer Frau, die doch zum Besten des Ganzen manches hintenansetzen sollte und auch ein gutes Gesicht machen sollte, wenn es nicht gar so angenehm ist. Als wir das Haus mieteten, danktest Du mir und konntest nicht genug rühmen, wie gut ich wäre, und jetzt bist du die elend Gefangene, die ihre Jugend hier vertrauern muß, und es fehlt nicht viel, so bin ich der brutale Kerkermeister. Wusstest Du denn nicht, dass ich zuerst im Juli dauernd da sein werde? Daß sehr vieles bei dem Haus unangenehm ist, fühle ich ebenso wie Du, vielleicht noch mehr, da ich keine Mittel weiß, Dir Erleichterung zu verschaffen; denn so reich sind wir nicht, um die Sache als einen mißglückten Versuch anzunehmen, und heidi wieder was anderes zu mieten…“
Corinth in Lychen, vielleicht doch kein Sommermärchen? Das Werk „Nach dem Bade“, das nach Zeichnungen Corinths in Lychen 1907 entstand, und heute in der Hamburger Kunsthalle zu bewundern ist, zeigt dann doch noch etwas von einem Lychener Sommermärchen der Familie Corinth.

© Hamburger Kunsthalle / ARTOTHEK
Foto: Elke Walford