Was wir wirklich brauchen

Eine Pilgerreise ist durch und durch eine minimalistische Reise.

Eine Pilgerreise ist eine minimalistische Sache. Und das fängt schon zu Hause an. Wie reist es sich wirklich mit leichtem Gepäck? Keine vollgepackten Koffer mit zehn paar Schuhen. Keine Hotelangestellten, die die Taschen auf die Zimmer tragen. Womit kommt man wochenlang aus? Und, was kann man im puristischem Falle des klassischen Pilgerns tatsächlich 308 Kilometer auf dem Rücken tragen. Was brauchen wir wirklich. Und was ist verzichtbar? Das ist vielleicht eine Frage, die wir uns im Leben auch manches mal stellen sollten.

Was wir wirklich brauchen, das wird ganz sicher gar nicht vom Geldbeutel bestimmt. Nein, nicht einmal davon, was der oder die Nachbarin gerade in ihr Fenster – versteht sich als Garten, Garage oder auch Wohnzimmer – gestellt hat. Könnte es sein, dass das, was wir wirklich brauchen, von uns abhängt? Skoda statt Porsche? Fahrrad statt Auto? Maultier statt…. Ok, das führt jetzt irgendwie in die falsche Richtung. Maultier in Schwerin, das wäre doch eine gute Idee für eine Stadtführung. Aber brauchen wir das wirklich? Ihr wisst, was ich meine. Ich sag mal so: Glück statt Pech, ist ok. Leicht statt schwer, ist auch ok. Zumindest am Camino. Das Leben ist ja auch mitunter schwer für manchen leicht…

Am Ortseingang von Tineo

Eine Pilgerreise ist jedenfalls durch und durch eine minimalistische Reise. Das fällt dir spätestens dann ein, wenn dich dein Zehn-Kilo-Rucksack in der brütenden Sonne Spaniens in die Knie zwingt. Was im übrigen mit dem Rucksack, mit dem mancher durchs Leben geht, ganz ähnlich ist. Für den Pilger gilt, nicht mehr als ein Zehntel des Körpergewichts sollte der Rucksack wiegen. Und wie gesagt, das fängt bereits zu Hause an. Es soll Pilger geben, die beim Packen des Rucksacks den Griff von der Zahnbürste absägen, um Gewicht zu sparen. Und kaum vorzustellen, aber wahr, verrate ich hier mal ein Geheiminis. Der Pilger ist natürlich sehr gerne auf alle Fälle von Anfang an, was meint vom Packtisch im heimischen Wohnzimmer, vorbereitet. Aber tatsächlich kann man auch in Spanien in jedem kleinen Ort, Tempos, Vaseline, Sonnencreme und, und, und kaufen. Hier gibt es sogar Lidl. Wow. Geheimtipp. Nicht weitersagen.

Pilger Gepäck, fernab vom Pilgern zum Abholen bereit

Apropos tragen. Schwer vorzustellen, dass Karl der Große oder der Papst ihr Gepäck selbst mit sich schleppten, als sie auf den Camino gingen. Aber was man hier auf dem Rücken einiger Wallfahrer sieht, ist beeindruckend. Ein Spiegelbild unserer Sozialisation. Seit Beginn in Oviedo laufen zwei Spanierinnen vor mir her, die man in ihrer Aufmachung wohl eher auf dem Laufsteg vermutet hätte. Knappe Hosen, früher hätte man Hotpants gesagt, enges Dress, keine Rucksäcke. Braucht man ja auch nicht unbedingt. Es gibt ja genug Fahrdienste, die dir dein Gepäck von Ort zu Ort fahren. Und da bilden die beiden keine Ausnahme. Für kleines Geld kann man seinen Rücksack, Koffer oder was auch immer von Herberge zu Herberge fahren lassen.

Die üblichen Socken zum Trocknen hängen dagegen heute auch bei mir an meinem Rucksack. Wasserbeutel gehört natürlich auch hinein ein ganz, ganz dünnes Handtuch, ein paar Sandaletten, Badeschuhe, um bei zweifelhaften Unterkünften nicht mit dem vor drei Tagen gescheuerten Boden in Berührung zu kommen, drei T-Shirts – das alles hatten wir ja schon – usw. usw. Ein Ladegerät, das iPad für den Blog und natürlich eine winzig kleine Tastatur ist auch dabei. Macht zusammen neun Kilo. Mit Wasser zehn. Wer hätte das gedacht. Dabei sind es doch von jedem nur ein oder zwei Stücke?

Als wir heute morgen in Salas aufbrechen – inzwischen hat sich eine Pilgergesellschaft gegründet, zu der sich neben Silke, Anja und Barbara und mir auch Matthias aus München gesellt hat – sind es 12 Grad Celsius. Zwei der Damen fahren mit dem Bus voraus, die Frauengruppe hat sich vorgenommen, bereits nach 12 Tagen in Santiago de Compostela anzukommen. Eine von ihnen hat nicht mehr Urlaub. Das ist anspruchsvoll, zumindest auf dem Primitivo.

Dageblieben oder hingestellt?

Kaum sind wir losgelaufen, finde ich einen Lippenstift auf dem Weg – spanisch Camino, der Weg, nicht der Lavera. Noch lästern wir, dass dieser wohl den beiden perfekt gestylten Spanierinnen vor uns gehören würde, da schließen wir zu ihnen auf. Silke fragt sie. Zuerst empörte Reaktionen. Dann plötzlich die bange Frage: „¿Dónde, dónde, dónde?“ Wo, wo, wo? Nun gut, es war also ihrer. Im Wanderführer ist zu lesen, dass der Primitivo ab der Etappe von Salas „nach und nach, seine ganze Schönheit zu entfalten beginnt“. Cool, die wussten schon von den Lipstick-Spanierinnen?

Aber der Camino entfaltet hier nicht nur seine Schönheiten, sondern auch seine Anstrengungen. Hängt ja im Leben auch oft zusammen. Es geht stetig bergan. Von 200 Metern in Salas bis zu über 800 Meter. Aber in den Wanderführern steht eh einiges, das man noch einmal genau betrachten muss. Zum Beispiel die Sache mit dem einsamen Camino. Im Gegensatz zum Camino Francés biete der Primitivo noch ein authentisches Naturerlebnis, wird oft geschrieben. Stimmt.

Fast. Authentisch ist für dieses Jahr vom 1. bis zum wahrscheinlich 15. Juni, dass nicht nur Lippenstifte auf dem Weg liegen, sondern der Camino Primitivo quasi eine Pilgerautobahn geworden ist. Und zwar für deutsche Pilger. Inzwischen kenne ich nicht nur Silke, Barbara und Anja, Matthias aus München und Patrick aus Mönchengladbach, sondern auch Katharina und Prim (zugegeben ein Spanier), Jim und George (hatten wir hier schon) und, und, und… nach zwei Tagen! Passiert mir in Schwerin nicht.

Am Wegrand….

Ich sage mal so, der Primitivo wurde vom Geheimtipp zum geselligen Weg. Hier mal eine kleine Besserwisserstatistik: Der Camino Francés wird etwa von der Hälfte aller 500.000 Pilger (Stand 2025) gelaufen, der Küstenweg Camino Portugues von einem weiteren Drittel, während der Camino Primitivo nur von fünf Prozent favorisiert wird. 25.000! Aber müssen die alle jetzt laufen???

Aus den beabsichtigten 25 Kilometern wurden heute auf der 3. Etappe irgendwie 28 Kilometer von Salas bis weit hinter Tineo – vor allem aber, weil die Herberge etwas abseits vom Schuss liegt. Gestern auf der 2. Etappe von Grado nach Salas waren es 24,5 Kilometer. Tatsächlich sind Unterkünfte, wie alle klagen, nicht ganz einfach zu bekommen. Zumindest nicht so einfach zu finden wie Lippenstifte. Wetter so um die 20 Grad, Stimmung so um die 30 Grad, Sonnenschein. Buen Camino!

Die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen

Most of the time, when you don‘t get answer, it’s because you didn‘t find a good question.

Von Ciruena über Santo Domingo nach Belorado, 8. Etappe, 26 Kilometer

Santo Domingo de la Calzada ist nach dem heiligen Domingo benannt, der hier im Mittelalter ein Hospiz für die Armen errichtete und sich ihrer annahm. Die romanisch, gotische Kathedrale auf dem Domplatz ist ihm gewidmet. Aber wenn man die malerische Altstadt betritt, kommt man zuerst an der Monasterio Cisterciense aus dem 17. Jahrhundert vorüber, der Pilgerherberge des Zisterzienserklosters. HaPe Kerkeling behauptet in seinem bekannten Buch aus dem Jahr 2001, dass er hier einmal von vier Uhr bis sechs Uhr morgens in einer sehr unerquicklichen Situation eingeschlossen gewesen sei. Weil er frühmorgens nach Stunden von Schlaflosigkeit, geschuldet dem Schnarchen anderer und laufender Toilettenspülung, aus der Klosterherberge mit ihren fünf Schlafsälen zu je neun Betten flüchten wollte, packte er voller Hast seine Sachen und nichts wie raus. Laut schlug die schwere Klosterpforte hinter ihm ins Schloss. Wo er nur zwei Meter vor sich ein festverschlossenes Gitter vorfand. Ja, es ist halt ein Nonnenkloster. Doppelter Verschluss von innen – und von außen. Dort saß der sonst stets zu Scherzen aufgelegte Pilger zwei Stunden in der Kälte gefangen. Bis punkt sechs Uhr die Dienst-Nonne das schwere Gitter öffnete. So beschreibt er es zumindest. Eine Geschichte, die sich bei Prüfung der näheren Umstände durchaus so zugetragen haben könnte. Wie ein Foto zeigt. Hundekalt ist es jedenfalls heute Morgen hier auch.

Monasterio Cisterciense

Überhaupt scheint die Obernonne des Monasterio die Pilger gerne ein wenig zum Narren zu halten. Da steht doch am festverschlossenen Eingangstor ein durchaus pilgerfreundlicher Hinweis „Klostergebäck, Wein, Mandeln, Nüsse, Quitte zum Verkauf am Eingang der Hospederia, Calle Pinnar Nr. 2“. Also stiefel ich los, an sechs Meter hohen Mauern vorbei bis zur Calle Pindar. Was ich nicht finde, ist das Klostergebäck. Die Klosterbäcker hatten wahrscheinlich gestern, am Sonntag, frei. Gut kein Gebäck. Nur Gepäck.
Auch ansonsten höre ich wohl den Gottesdienst und die Litaneien im Inneren, aber von Außen ist nur zu lesen: Türzeiten von 11 bis 13:30 Uhr. Na, dann eben nicht. Ich habe ja meinen Kummerstein, erzähle ich eben dem alle Geheimnisse. Da wird sich Gott ganz schön ärgern. Ich wusste doch schon immer, die katholische Kirche ist nichts für jeden. Das wundert mich schon seit Tagen. Es stehen zwar wundervolle Gotteshäuser, ja Kathedralen am Wegesrand, aber man kommt nicht hinein. Anders, als man es zum Beispiel aus Polen kennt, wo die Menschen vor dem Sündigen im Job schnell noch mal in die Kirchen flutschen. Oder in Südamerika, wo Familien ganze Tage in ihrer Kirche verbringen, und in Cusco sogar ein gebratenes Meerschweinchen auf dem Tisch des „Letzten Abendmales“ liegt. Kann man drüber nachdenken. OK, was will uns die spanische Kirche sagen? Du kommst hier net rein? Oder, auch Gott hat Öffnungszeiten? Oder einfach nur, die Gewerkschaft des Himmelreichs lässt grüßen. Und wenn es diese Gewerkschaft gibt, ist dann der Papst der Gewerkschaftsführer oder der Stellvertreter des CEO?

Die Kathedrale von Santo Domingo ist nicht nur groß und großartig, sondern sogar geöffnet. Hier entschließe ich nicht dann doch fünf Euro Eintrittsgeld zu investieren, vor allem wegen einer sonderbaren Geschichte. In der Kathedrale lebt in einem goldenen Käfig ein weißer Hahn mit Henne. Und das kam so:
Unter den vielen Pilgern nach Santiago de Compostela, die in St. Domingo de la Calzada Halt machten, befand sich im Mittelalter ein Ehepaar mit ihrem achtzehnjährigen Sohn Hugonell aus Xanten. Das Mädchen im Gasthaus, in dem die Familie untergebracht war, verliebte sie sich in ihn. Angesichts seiner Gleichgültigkeit beschloss sie Rache zu nehmen, so geht die Geschichte. Das habe ich mir nicht ausgedacht. So steckte sie einen silbernen Becher in sein Gepiick, und als die Pilger ihre Reise fortsetzten, zeigte das Mädchen den Diebstahl an. Das Gesetz des Mittelalters ahndete den Diebstahl von Silber mit der Todestrafe, sodass der unschuldige Pilger gehängt wurde. Mittelalter halt. Als die Eltern kamen, um ihren erhängten Sohn zu sehen, hörten sie plötzlich die Stimme ihres Sohnes. Der erzählte ihnen, dass der Heilige Domingo de la Calzada sein Leben gerettet hätte. Sofort gingen sie zum Richter der Stadt und berichteten ihm von dem Wunder. Ungläubig erwiderte dieser, ihr Sohn sei so lebendig wie der gebratene Hahn und die Henne, die er soeben verspeisen wolle. In dem Moment sprangen der Hahn und die Henne vom Teller, und fingen an zu gackern. Seitdem sagt man: „Santo Domingo de la Calzada brachte das Brathähnchen zum gackern!“ So kamen der Hahn und Henne in den Dom.

Eine weitere Legende besagt, wenn ein Pilger den Dom betritt und der Hahn kräht, dann ist ihm Santiago de Campostela sicher. Nach mir kräht kein Hahn. Muss ich mich eben auf mich verlassen, und auf alle, die mir die Daumen drücken. Das ist auch genug. Vielleicht hätte ich 15 Euro Eintritt geben sollen. Irgendwie erinnert mich der goldene Käfig an den Käfig in dem ein anderer Pilger 2001 vor dem Monasterio Cisterciense für zwei Stunden eingeschlossen war. Fällt mir jetzt gerade nicht ein.

Erkenntnis des Tages: Auch wenn kein Hahn nach dir kräht, geh Deinen Weg.

Die Kathedrale von Santo Domingo