Jetzt wird’s spirituell

„No eres lo que logras, eres lo que superas.” (Du bist nicht das, was Du erreichst – sondern das, was Du überwindest.)

Ich will mal hier ein bisschen mit meinem angelesenen Wissen angeben. Auf dem Jakobsweg geht es ja vor allem um den heiligen Jakobus den Älteren. Ach, werdet ihr jetzt denken, das ist ja mal interessant. Aber, der heiligste aller Jakobswege ist ganz offenbar der Espiritual, der sogar erst 1992 offiziell als Jakobsweg aus der Taufe gehoben wurde. Als Pilgerweg, wie gesagt. Wenn man beim heiligen Jakobus und dessen verschlungenen Wegen von Taufe sprechen darf…

Das hat sich aber offenbar unter den Spaniern noch nicht so richtig herumgesprochen. Mein heutiger Vermieter hat noch nicht einmal seinen Hin… äh Popo vom Sofa gehoben, um mich in die Pension zu hereinzulassen. Ich musste erst aufdringlich werden. Worauf er mir erklärte, er spreche kein Englisch. Auch nicht für die stattliche Summe von 67 Euro für die Nacht. Da ich – wie bereits beschrieben – auch viele sehr freundliche Gastgeber hatte, darf Kritik hier auch mal sein. Ach, egal…

Wenn der Camiño Portugués de la Costa bis Pontevedra mehr so ein Wanderweg an der Atlantikküste war – ja, das muss man doch mal zugeben – kommt es am Ende beim spirituellen Weg ganz dicke mit den Legenden. Man kann auch auf dem Camino central stur weiterlatschen. Dann wirds eben nicht spirituell…

Hinauf geht es den Rio Ulla

Laut einer Legende wurde der Apostel Jakobus auf Befehl von Herodes Agrippa I. in Jerusalem hingerichtet, also genau gesagt geköpft. Das Thema hatten wir hier ja schon. Er war nicht so richtig erfolgreich bei der Missionierung der iberischen Halbinsel. Und Planerfüllung wurde im alten Rom mindestens so groß geschrieben wie in der Täteretäh, gut DDR. Also Kopf ab.

Seine Jünger, die ihm bis dort gefolgt waren, stahlen den kopflosen Jakob und brachten ihn auf ein Boot aus Stein, auf dem es weder ein Steuer noch Besatzung gab. So heißt es in den Erzählungen. Tatsächlich scheint es eher eines der Steinboote gewesen zu sein, mit denen damals galizischer Granit und Mineralien ins palästinensische Jaffa verschifft wurden.

Tatsächlich sei der Leichnam von Jakobus in Begleitung seiner Schüler Teodoro und Atanasio in die Flussmündung von Arousa und den Río Ulla aufwärts bis nach Padrón, dem Hafen der römischen Stadt Iria Flavia, gebracht worden. Die Überfahrt ging als Translatio in die Geschichte ein. Eine andere Legende sagt, dass es die Engel und die Sterne waren, die das Boot bis an die galizische Küste brachten. Also ich tippe auf Engel…

Oh Captain, my Captain…

So war das vor 2000 Jahren. Ich bin heute Mittag in Vilanova de Arousa in ein Stein… äh Eisenboot gestiegen und den Fluss Ulla hinauf nach Padrón gefahren. Eine sehr fröhlich Art des Pilgerns. 33 Kilometer an einem Tag zurückgelegt, davon 21 mit dem Boot.

Das ist der Spirit des Espiritual. Zwei Etappen geht es zu Fuß, eine Etappe mit dem heiligen Nachen. Dann noch 17 Kilometer bis zum Sternenfeld – Santiago de Compostela, wo nur 820 Jahre später Hirten unter den Sternen ein eigenartiges Leuchten wahrnahmen. Und der Heilige Jakobus stand auf, und befreite die Spanier von den Mauren. Das dauerte zwar ein paar Jahrhunderte. Aber seither ist Jakobus der Schutzheilige der Spanier. Auch meines heutigen Vermieters, selbst wenn er sich das ganz tapfer nicht anmerken ließ.

Jakobus war auch einst der Schutzheilige der Portugiesen. Bis denen auffiel, dass bei Kriegsstreitigkeiten mit den Nachbarn ein gemeinsamer Schutzheiliger mit dem Feind irgendwie nicht hilfreich ist. Wie soll sich der Heilige entscheiden? Die Portugiesen wechselten flugs den Schutzpatron aus. Wen haben wir Deutsche eigentlich als Schutzheiligen? Also die KI wirft an dieser Stelle folgendes aus: „Der Schutzpatron Deutschlands ist der Erzengel Michael. Er wird auch als „Deutscher Michel“ verehrt und gilt als Schutzpatron der Soldaten und Ritter, sowie vieler anderer Berufsgruppen“.

Hi, hi, der Deutsche Michel als Schutzpatron des deutschen Volkes. Und auch der Ritter, also mir. Ach nein, mein Schutzpatron ist ja der Heilige Jakobus, der Schutzheilige der Wanderer und Pilger. Bin ich jetzt ein Spanier? Hossa! Ich glaube 31 Grad sind nicht nur zum Pilgern zu warm, sondern auch zum Schreiben…

Buen Camino!

11 Etappen, 313 Kilometer

PS: Eine Legende sagt auch, dass eine Jungfrau die Ankunft des heiligen Jakobus in Santiago ankündigen sollte. Aber die Gute hatte zu viel Wein genossen und verschlief die Ankunft. Seither ist der Wein in Spanien versiegt. Daran merkt man, dass Legenden nicht immer hieb- und stichfest sind.

Das Kloster in Armentaira, die höchsten Stelle des Camino Portugués

O Conde

Unten liegt der Nebel über den See von Poio

2 Gedanken zu “Jetzt wird’s spirituell

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